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Wenn Frauen trinken

Alkoholkranke Frauen leiden stärker unter ihrer Sucht als Männer. Trotzdem sind Therapien seltener erfolgreich. Familie und Kinder, die Männern den Ausstieg aus der Sucht erleichtern, erhöhen bei Frauen das Rückfallrisiko. Von Kathrin Meier-Rust

Dem Mann sein Bier - der Frau ihr Cüpli. Dass Frauen und Männer verschiedene Vorlieben beim Alkohol haben, ist ein Gemeinplatz. Und auch dass Männer schneller einmal zu tief ins Glas schauen und das am liebsten in einer Beiz tun, während sich Frauen eher alleine und zu Hause betrinken, weiss jeder.

Selbst die geschlechterspezifische Wirkung von Alkohol auf den menschlichen Körper ist medizinisch längst anerkannt: Viele Frauen haben eine natürliche Aversion gegen Alkohol (das sogenannte Flush-Syndrom) und trinken deshalb seltener. Doch wenn Frauen Alkohol mögen, so haben sie im Vergleich zu Männern ein höheres Risiko für Gesundheitsschäden, und die Schwelle zum Risikokonsum ist schneller überschritten.

Auch der Erfolg bei der Behandlung der Alkoholsucht ist vom Geschlecht abhängig. Das belebt nun eine Studie der Forel-Klinik, einer Fachklinik für Alkohol- und Medikamentenabhängige in Ellikon (TG). Demnach zeigen Männer einen signifikant besseren Behandlungserfolg als Frauen. Unter Leitung des Psychologen Martin Sieber waren 529 männliche und 140 weibliche Patienten rund zwei Jahre nach ihrer Entlassung aus der Klinik schriftlich befragt worden. Das Resultat war verblüffend: Während über 41 Prozent der Männer zum Zeitpunkt der Befragung abstinent waren, hatten dies nur 28,6 Prozent der Frauen geschafft.

Die Studie erregte vor zwei Jahren einiges Aufsehen, weil die Forschung bisher zur Frage eines geschlechterspezifischen Therapieerfolges kein eindeutiges Bild bot. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Alkoholsucht wie jede Sucht (mit Ausnahme des Medikamentenkonsums) ein Männerproblem ist: Weltweit sind etwa drei- bis viermal mehr Männer alkoholabhängig als Frauen. Frauen sind deshalb in Entzugskliniken eine statistisch kleine Gruppe, die meist schon aus methodischen Gründen nicht gesondert behandelt werden kann.

Von Fachleuten wird oft kritisiert, dass der Erfolg einer Therapie nicht mit Abstinenz gleichgesetzt werden könne, sondern die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben das entscheidende Kriterium sei - auch wenn es dafür eben ab und zu ein Gläschen Weissen brauche. Diese Kritik führte zu einer mit neuen Kriterien angereicherten Nachanalyse der damaligen Befragung, die neben dem gegenwärtigen Alkoholkonsum auch die Lebenszufriedenheit und die berufliche Integration berücksichtigte.

Bloss: Das Bild bleibt unverändert, wie der Schlussbericht im Februar nun ergeben hat. Eine für Männer und Frauen gleich intensive und gleich lange stationäre Behandlung von mehreren Wochen zeigt bei Männern signifikant bessere Erfolge als bei den Frauen. Umso dringlicher stellt sich natürlich die Frage, warum das so ist.

Die nach Geschlechtern getrennte Analyse kommt der Sache auf die Spur. Es zeigt sich nämlich, dass Männer, die mit einer Ehefrau oder Partnerin zusammenleben, ihren Alkoholkonsum deutlich besser im Griff hatten als allein lebende Männer. Bei den Frauen dagegen gab es diesen Unterschied bei der Abstinenz nicht. Im Gegenteil: Frauen, die mit einem Partner lebten, gaben doppelt so häufig einen starken Konsum an (15 Prozent) wie die alleine lebenden (7 Prozent). Aber auch Scheidung oder Trennung ist für Frauen offenbar keine gute Lösung: In dieser Gruppe erreichen nur halb so viele Frauen wie Männer das Ziel Abstinenz, und auch beim Index zur Lebenszufriedenheit lagen die geschiedenen oder getrennt lebenden Frauen deutlich tiefer als die Verheirateten.

Am stärksten war der geschlechtsspezifische Effekt, wenn es um das Zusammenleben mit Kindern ging: Männer, die mit Kindern zusammenlebten, hatten nämlich die höchste Erfolgsrate (48,9 Prozent abstinent); Frauen, die mit Kindern zusammenlebten, hatten dagegen mit 6,7 Prozent die schlechteste überhaupt. Die Frage der Berufstätigkeit spielte dabei keine Rolle - sobald Kinder da waren, sank die Erfolgsrate bei den Berufstätigen ebenso tief wie bei Hausfrauen.

Das ist ein einigermassen schockierendes Resultat: Kinder erweisen sich also bei Frauen nicht als Motivation zur Heilung, sondern als Risikofaktor. Auch für Mütter können Kinder zwar eine Ressource darstellen, wie es bei Männern durchwegs der Fall ist, erklärt Sieber: "Doch bei Frauen können Kinder - mit Schulproblemen, bei Problemen mit dem Mann - auch umschlagen in eine Mehrfachbelastung", die alkoholkranke Frauen mit Alkohol auszublenden versuchen.

Dafür spielt bei Frauen das Vorhandensein einer nahen Vertrauensperson (die nicht der Ehepartner ist) eine entscheidende Rolle: Alle Frauen, die keine solche Vertrauensperson hatten, begannen wieder zu trinken. Bei den Männern war das Vorhandensein einer Vertrauensperson weniger ausschlaggebend, offenbar übernimmt hier die Ehefrau oder Partnerin diese Funktion, was umgekehrt nicht der Fall ist.

Von diesen Tatsachen ausgehend haben die Forscher Risiko- und Schutzfaktoren ermittelt und in Listen zusammengestellt, die nun für die beiden Geschlechter verschieden ausfallen: Eine Ehe oder Partnerschaft steht für Männer klar auf der Liste der Schutzfaktoren - bei den Frauen dagegen nicht. Kommen noch Kinder dazu, so wird die Familie von einem klaren Schutzfaktor für Männer zu einem ebenso deutlichen Risikofaktor bei Frauen.

Natürlich dürfe man diese Ergebnisse nicht generalisieren oder gar auf die Gesamtbevölkerung ausdehnen, erklärt Martin Sieber, denn bei den Patienten einer Alkoholklinik gehe es um eine spezielle Personengruppe. Auch kommen Frauen eher später, das heisst in einem fortgeschrittenen Stadium der Krankheit in eine Klinik als Männer, was die Heilung erschwert. Siebers Erfahrung nach hat dies damit zu tun, dass bei den Männern oft Schwierigkeiten am Arbeitsplatz die Behandlung erzwingen, während Frauen ihre Sucht zu Hause länger verstecken können. Dieses Versteckenmüssen habe mit der Stigmatisierung der Alkoholsucht zu tun, die bei Frauen noch immer ungleich stärker sei als bei Männern. "Bei Männern gilt ein Alkoholproblem dagegen noch eher als normal. Für Frauen dagegen, mit ihrem hohen Gesundheitsbewusstsein, ist dies oft sehr schambelastet", erzählt Martin Sieber. Ebenfalls erschwerend ist die Tatsache, dass Frauen häufiger als Männer mit einem ebenfalls abhängigen Partner lebten und mit häuslicher Gewalt konfrontiert waren.

Irmgard Vogt ist Direktorin des Instituts für Suchtforschung an der Fachhochschule für Soziale Arbeit und Gesundheit in Frankfurt und beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem Thema Frauen und Sucht. Im Resultat der Forel-Studie zeigt sich für sie zunächst einmal das immer gleiche Paradox: Frauen profitieren sehr viel weniger als Männer von Ehe und Partnerschaft und Kindern, aber sie profitieren auch nicht davon, wenn sie sich trennen: "So gesehen, sitzen manche Frauen mit Alkoholproblem in einer Falle. Gehen sie aus der Klinik zurück in die alte Umgebung, haben sie ein relativ hohes Rückfallrisiko; trennen sie sich und suchen eine neue Lebensumgebung, haben sie ebenfalls ein relativ hohes Rückfallrisiko."

Dieses Paradox sei nicht neu, werde aber in der Forel-Studie durch die nach Geschlechtern getrennte Analyse besonders klar sichtbar. Zweifellos sei die Aussage auch für andere Suchterkrankungen gültig, meint Irmgard Vogt. Dass Ehe und Partnerschaft für Männer einen Schutzfaktor darstellen, sei eine Erkenntnis, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Gesundheitsforschung seit hundert Jahren ziehe. Ob bei der Lebenserwartung, der Genesung nach einem Herzinfarkt, bei der Gesundheit im hohen Alter - Männer mit Ehefrau sind besser dran als alleine lebende, während es für Frauen diesen Unterschied nicht gibt.

"Nun sehen wir dasselbe im Suchtbereich, das kann eigentlich nicht erstaunen", meint Vogt. Während geschlechtsspezifische Unterschiede im biologisch-medizinischen Bereich von der Medizin längst als Tatsache behandelt werden, würden diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern im psychosozialen Bereich noch viel zu selten berücksichtigt für die Prävention und Therapie.

Bei der Belastung durch Kinder sieht Irmgard Vogt noch viele offene Fragen, die es durch weitere Forschung zu klären gelte. In der Studie der Forel-Klinik werde zum Beispiel das Alter der Kinder nicht einbezogen, das eine wichtige Rolle spielen könnte: "Junge Kinder könnten eventuell einen Schutzfaktor darstellen, während Kinder, die aus dem Hause gehen, ein Risikofaktor wären."